Manchmal stellt sich alles auf den Kopf…

Ja manchmal ist es so… da stellt sich von jetzt auf gleich alles auf den Kopf. Es war ein sonniger Montagnachmittag (16.März 2020) in Nakaseke (http://fsj-uganda.blogspot.com/). Einen Tag zuvor waren wir noch auf dem Nil raften, Idas Geschwister, Josi & Greta und wir beide waren dabei. Es war eine entspannte, harmonische und ausgelassene Stimmung in unserer Gruppe.

Nachmittags bekamen wir zunächst eine Mail vom Bistum Münster, dass aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie überlegt wird, alle Weltwärts-Freiwilligen zurück nach Deutschland zu holen. Es sei aber noch nichts sicher oder entschieden. Die Nachricht schockte uns sehr, da wir bis zu diesem Zeitpunkt noch keine einzige Sekunde daran gedacht hatten, nach Hause zu müssen. Natürlich hatten wir von der Situation in Deutschland gehört, dennoch in Uganda sehr wenig von dem Chaos gespürt. In Uganda selbst war bis zu diesem Zeitpunkt noch kein offizieller Corona-Fall gemeldet. Nur zwei Stunden nach der ersten Nachricht bekamen wir die Information vom Bistum Münster, dass weltweit alle ~3.500 Weltwärts-Freiwilligen zurück nach Deutschland müssen und alle Organisationen aufgefordert  sind, ihre Freiwilligen so schnell es geht zurück zu holen. Für uns ist in diesem Moment eine Welt zusammen gebrochen und es fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht.

Wie können wir jetzt nach fast 8 Monaten unser Zuhause verlassen, wo wir gerade so angekommen sind? Was ist mit den Kindern, unseren Freunden und allen liebgewonnenen Menschen? Was ist mit den ganzen Ideen und Plänen, die wir für das nächste halbe Jahr geschmiedet hatten? …

Wieso haben wir mal wieder dieses große Privileg und können einfach in das bessere Gesundheitssystem nach Deutschland zurückkehren, lassen aber gleichzeitig alle liebgewonnenen Menschen zurück, die diese Absicherung nicht haben?

Viele Fragen kamen hoch, Enttäuschung, Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Schuldgefühle… aber die Entscheidung stand fest: Wir müssen in den nächsten Tagen nach Hause fliegen, mehr als vier Monate zu früh.

Am Dienstag sind wir dann direkt zurück nach Obiya Palaro gefahren. Als wir im Bus nach Gulu saßen, bekamen wir die Nachricht, dass wir am Sonntag (22.03) über Dubai zurück nach Deutschland fliegen werden. Die nächsten Tage haben wir versucht, die Zeit im Projekt noch zu genießen, uns von allen persönlich zu verabschieden und unsere Sachen zu packen. Wahrscheinlich kann sich niemand so richtig vorstellen, wie schmerzhaft die letzten Tage im Projekt wirklich für uns waren. Von heute auf morgen haben wir uns von allen liebgewonnenen Menschen verabschieden müssen, ohne Vorwarnung und ganz abrupt. Wir haben uns gefühlt wie in einem schlechten Film und konnten es einfach nicht realisieren, dass es jetzt wirklich zurück nach Münster geht. Das schlimmste war es für uns, den Kindern aus dem Dormitory beizubringen, dass wir zurück fliegen müssen. Die Kinder, die uns so sehr ans Herz gewachsen sind, für die wir eine enge Bezugsperson, Freund_in und Lehrer_in zur gleichen Zeit waren, mit denen wir Uno und Fußball bis zum Umfallen gespielt und abends vor dem schlafen gehen noch ein bisschen getanzt haben. Wir konnten ihnen nicht einmal versichern, ob und wann wir uns wiedersehen. Was uns den Abschied etwas erleichtert hat, war die Tatsache, dass in Uganda am Freitag vor unserem Abflug (20.03) als Corona-Vorsichtsmaßnahme alle Schulen schließen mussten. Am Freitag und Samstag mussten alle Kinder zurück nach Hause fahren. Auch die Kinder, die in dem Flüchtlingslager „Palabek“ wohnen und bei uns im Projekt untergebracht waren, mussten zurück zu ihren Familien.

Dann war es auch plötzlich schon Samstagabend und somit unser letzter Abend in Obiya Palaro. Es kamen noch ein paar Freunde und wir haben gemeinsam gegessen und das letzte „Nile“ getrunken (das Beste Bier in Uganda).

Am Samstagabend erfuhren wir, dass unser Flug von Dubai nach Düsseldorf ausfällt. Sonntagmorgen fuhren wir los zum Flughafen in der Hoffnung, vielleicht bis Dubai fliegen zu können oder einen anderen Flieger zu buchen. Diese Pläne lösten sich nach mehreren Telefonaten aber ganz schnell in Luft auf. Der Flugverkehr von Dubai nach Europa war einen Tag zuvor eingestellt worden.

Also hat Father Cyprian uns zu Steven und Annett gefahren (Gasteltern von Josi und Greta und Verantwortliche für das Nakaseke-Projekt), wo wir auf Josi und Greta trafen und uns nochmal richtig auskotzen konnten. Nach mehreren Telefonaten und einem Hin und Her war klar, dass der Flughafen in Entebbe am Montag (23.03) bis auf Weiteres den Flugverkehr komplett einstellen würde. Wir sind daraufhin zu viert nach Nakaseke gefahren in das Projekt von Josi und Greta, um dort auf einen Rückkholflieger zu warten.

Johann, Steven, Greta, William (Mentor), Josi, Annett, Ida

Das Projekt liegt auf dem Land in wunderschöner Natur und wir konnten uns auf dem Projektgelände frei bewegen. Letztendlich waren wir noch fast zwei Wochen in Nakaseke. Wir haben die Zeit dort zu viert noch sehr genossen, konnten alle ein bisschen zur Ruhe kommen und uns wenigstens halbwegs auf die Rückkehr nach Deutschland einstellen. Das Warten auf den Rückholflieger war für uns absolut kein „Ausharren“, „Aushalten“ oder Ähnliches, wir waren wirklich froh, noch ein paar schöne Tage in Uganda zu haben. Um ehrlich zu sein: Wir haben uns jedes Mal gefreut, wenn eine Mail vom Auswärtigen Amt kam, dass wir uns noch einige Zeit gedulden müssten, bis die Rückholaktion in Uganda gestartet werden würde. Auf der anderen Seite des Globus haben sich natürlich vor allem unsere Eltern ziemliche Sorgen um uns gemacht. Aber nach ein paar Telefonaten und Fotos konnten wir sie halbwegs überzeugen, dass es uns gut geht in Nakaseke und dass wir alles Lebensnotwendige haben.

In Uganda haben die Einschränkungen des öffentlichen Lebens von Tag zu Tag zugenommen und das Leben für die Bevölkerung sehr erschwert. Die Regierung verordnete eine Ausgangsbeschränkung, die öffentlichen Verkehrsmittel fuhren nicht mehr und einige Märkte wurden geschlossen. Diese Einschränkungen haben für die Ugander weitreichende Folgen. Viele Ugander leben „von der Hand in den Mund“, d.h. sie sind von Tag zu Tag auf ihren Tageslohn angewiesen. Wenn der Job von jetzt auf gleich weg fällt, gibt es keine Soforthilfen, die man beantragen kann oder Erspartes, auf das die Menschen zurückgreifen könnten. Father Cyprian musste außer den Mitarbeiter_innen der Krankenstation alle Mitarbeiter_innen aus unserem Projekt (Grundschul- und Vorschullehrer, Katechisten, etc.) nach Hause schicken. Diese werden jeden momentan Morgen mit dem Auto abgeholt und abends wieder nach Hause gefahren. Im ‚Health Centre‘ sind Medikamente und Schutzausrüstung sehr knapp, die Preise für diese Artikel sind wegen der Corona-Pandemie enorm gestiegen. Vielen Menschen in Uganda ist es nicht möglich, ohne öffentliche Verkehrsmittel ein Krankenhaus zu erreichen oder einen Krankenhausbesuch überhaupt zu bezahlen. Durch Jobverluste ist es vielen Familien nicht möglich, Geld für eine medizinische Versorgung aufzubringen. Bis jetzt gibt es in Uganda 79 offiziell gemeldete Fälle von Corona-Infektionen. Diese Zahl ist keineswegs aussagekräftig. Im ganzen Land gibt es nur ein Labor (in Entebbe), in dem Corona-Tests ausgewertet werden können. Die Dunkelziffer an Infizierten liegt wahrscheinlich viel höher.

Wir Vier sind am 04. April mit einem Rückholflieger von Entebbe nach Köln geflogen. Innerhalb von 10 Stunden standen wir plötzlich wieder auf deutschem Boden. Von jetzt auf gleich in einer komplett anderen Welt. Müde und verwirrt taumelten wir unseren Familien, die am Flughafen schon auf uns warteten, widerwillig in die Arme. Physisch waren wir wieder in Deutschland angekommen, aber mit unseren Gedanken hingen wir noch in Uganda.

Menschen auf der ganzen Welt müssen an allen Ecken und Enden im Moment unglaublich zurückstecken und da hat es uns mit Sicherheit nicht schlimm getroffen. Der Schmerz über die plötzliche Rückkehr nach Deutschland sitzt zwar sehr tief und es fällt uns absolut nicht leicht hier wieder anzukommen. Es fühlt sich unvollständig an, wir hatten noch viele offene Projekte und Ideen/Pläne für unsere letzten Monate. Gleichzeitig sind wir natürlich unendlich dankbar für die 8 Monate in Uganda. Es ist einfach ein unglaubliches Privileg, diesen Freiwilligendienst absolviert zu haben.

Wir haben Erfahrungen gesammelt, die uns keiner mehr nehmen kann, wir haben ein zweites Zuhause gefunden und Freunde für’s Leben. Es war wahrscheinlich die aufregendste und gleichzeitig lehrreichste Zeit unseres bisherigen Lebens.

IMG_1693Unsere Mentorin Kevin und Father Cyprian

Sehr lange hattet ihr nichts mehr von uns gehört, aber den Schock über die abrupte Rückkehr mussten wir erstmal ein wenig sacken lassen. Wir werden versuchen, in den nächsten Monaten unseren Blog weiterzuführen und noch einige Artikel hochzuladen.

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